Indikation

Wirkfaktor Mensch

Nur ein Bruchteil aller Patienten nimmt verordnete Medikamente richtig ein. Zwischen 33 und 50 Prozent halten sich nicht an die vorgeschlagene Langzeittherapie ihres Arztes.[2] Die Gründe sind vielfältig. Ganz wichtig: Das Präparat muss wirken. Doch auch Farbe, Form, Geschmack, Name und Preis eines Arzneimittels können sich auf die Therapietreue auswirken.

Psychologie der Pille

Das kleine Einmaleins des Pillen-Designs

Kunterbunt geht es zu im Tagesdispenser von Georg Müller1: Rot leuchtet die Herztablette neben einem hellgelben Dragee. Die Dritte im Bunde ist eine weiße Runde mit Prägung gegen den hohen Blutdruck. In dem Fach für die Nacht liegt als Einschlafhilfe eine taubenblaue Pille. Morgens, mittags, abends und nachts – wie ein buntes Glasmurmelspiel klickern die Kapseln und Tabletten durch die vier Fächer, wenn der Rentner seine Pillendose in die Küche trägt.

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Farbsymbolik Tabletten

Angewandte Farbpsychologie

Ebenso kann auch die Wahl der Farbe für die Wirksamkeit eines Arzneimittels wichtig sein, so Professor Schweim: „Eine Schlaftablette sollte beispielsweise weiß oder blau sein, damit sie aufgrund farbpsychologischer Effekte besser wirkt.“ Blau hat grundsätzlich eine beruhigende und entspannende Wirkung, so die Farbpsychologie. „Der Mensch ist ein Lebewesen, das sich ungewöhnlich stark über optische Signale orientiert“3, bestätigt der Farbpsychologe Harald Braem. Ein über Jahrtausende erlerntes farbiges Vokabular legt Bedeutungen fest und dient dem Menschen als schnelle Orientierung im täglichen Leben. Es wirkt auf allen Ebenen: körperlich, geistig und seelisch.4 Rot steht für aktiv und gefährlich, Weiß für rein und Gelb für Licht und Leben.

Pharmahersteller machen sich dieses Wissen zunutze, um Patienten Orientierung zu geben und das Vertrauen in das jeweilige Arzneimittel zu stärken. Beruhigungsmittel sind deshalb oft blau gefärbt, Magenmittel grün, starke Schmerzmittel und Herzkreislaufpräparate rot. Depressive Patienten sprechen besser auf gelb gefärbte Tabletten an.

Die Wahl der Darreichungsform

Bei der Wahl der Darreichungsform stehen vor allem klinische Aspekte im Vordergrund. „Maßgeblich für die Darreichungsform eines Arzneimittels ist seine pharmazeutische Qualität und die Wirksamkeit. Das heißt, aus welchen Bestandteilen und in welchen Mengen setzt sich ein Präparat zusammen und wie sind seine erwünschten Wirkungen im vorgesehenen Anwendungsgebiet“, erklärt Prof. Schweim. Soll sich ein Medikament erst im Darm auflösen, müsse es mit einer magensaftresistenten Schicht überzogen sein oder magensaftresistente Granulate enthalten. Soll es über die Mundschleimhaut in den Blutkreislauf gelangen, eigne sich eine Lutschtablette, und ist eine rasche Wirkung gewünscht, dann sei eine Infusionslösung die Darreichungsform der Wahl.

„Sind Tabletten hingegen sehr groß oder müssen zu viele davon eingenommen werden, um eine Wirkung zu erzielen, kann dies die Verbraucherakzeptanz und Adhärenz allerdings minimieren“, gibt der Bonner Professor zu bedenken. Nur wenn ein Medikament leicht einzunehmen ist, eignet es sich für eine Langzeittherapie. Dies wird grundsätzlich bei der Entwicklung berücksichtigt.

Pillendesign

Therapieabbruch bedingt durch Farb- und Formwechsel

„Vertraut ein Patient erst einmal auf die Wirkung eines Medikamentes, so ist er nur ungern bereit, auf ein Arzneimittel umzusteigen, das eine ganz andere Farbe und Form hat“, so Prof. Schweim, „auch wenn es die gleichen Wirkstoffe enthält.“ Das ist wissenschaftlich belegt. Ein Forscherteam am Brigham and Women’s Hospital in Boston bestätigte, dass viele Patienten die Einnahme von Medikamenten unterbrechen, wenn sich Farbe und Form des Arzneimittels ändern.[5] Hatte das neue Präparat eine andere Farbe, unterbrachen 34 Prozent der Studienteilnehmer ihre Therapie. Veränderte sich die Form des Präparates, stieg die Zahl der Therapieabbrecher sogar auf 66 Prozent. Insgesamt 11.513 Patienten, die zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatten, nahmen an der Studie teil.

Es muss bitter schmecken

Doch auch der Geschmack spielt eine Rolle für die Adhärenz. Nur das, was bitter schmeckt, hilft auch – so sagt es zumindest der Volksmund. „Viele Inhaltsstoffe von Medikamenten haben einen unangenehmen bitteren Beigeschmack, der sich leider bis heute im Herstellungs- und Formulierungsprozess nicht vollständig verhindern lässt“, weiß Professor Schweim. „Nur bei Kindern wirkt die Mär von der bitteren Arznei nicht. Für sie werden Zucker, Süßstoffe und Fruchtaromen zugesetzt.“

Und das sagt das Gesetz

Laut Statistischem Bundesamt gibt es aktuell über 100.000 zugelassene Arzneimittel6 in Deutschland. Jedes ist einzigartig, auch weil „das Arzneimittelgesetz den Pharmaherstellern beim Produktdesign weitgehend freie Hand lässt“, erklärt der Professor für Drug Regulatory Affairs. „Es sieht allerdings vor, dass jedes Arzneimittel eindeutig gekennzeichnet sein muss, um es identifizieren zu können. Dies betrifft vor allem die Stoffinformation.7 Die dort formulierten Verbote sollen den Verbraucher insbesondere vor Täuschung ausreichend schützen.“

Der approbierte Apotheker studierte Lebensmittelchemie und leitet den Lehrstuhl „Drug Regulatory Affairs“ der Universität Bonn. Darüber hinaus lehrt er an der Charité Berlin und in Frankfurt und Leipzig.

Prof. Dr. rer. nat. habil. Harald G. Schweim

Nomen est omen

Teil dieser Stoffinformation ist die Arzneimittelbezeichnung des Präparates. „Der Name eines Arzneimittels ist für seine Akzeptanz im Markt gigantisch wichtig“, so Schweim. „Früher wählte man Phantasienamen. Barbitursäure soll beispielsweise auf den Frauennamen „Barbara“ – man munkelt, dies sei der Name einer Geliebten – zurückzuführen sein. Heute ist der Prozess der Namensfindung sehr komplex und kostspielig.“ Dabei geht es bei der Auswahl des Namens nicht nur darum, negative Anspielungen zu vermeiden und positive Assoziationen zu wecken. Gute Kunstnamen zu finden, wird immer schwieriger. Das Marken- und Namensrecht lässt keine Ähnlichkeiten zu bereits zugelassenen Medikamenten oder dem Wirkstoffnamen zu. Zudem gilt: „Der Name muss verständlich, nicht zu lang und gut merkbar sein.“

Was ist man wert?

Und es gibt noch einen weiteren Faktor, der die Therapietreue wesentlich mitbeeinflusst: der Preis. Je teurer das Medikament ist, desto besser muss es wirken. So ist zumindest die Meinung vieler Patienten. „Apotheken-Kunden sind daher oft enttäuscht, wenn sie erfahren, dass ihr Arzt ihnen ein günstiges Arzneimittel verschrieben hat. Apotheker bekommen dann oft zu hören: „So wenig bin ich meinem Arzt wert?“

Georg Müller vertraut seinem Arzt und hält sich an die empfohlene Arzneimitteltherapie, und dies schon seit Jahren. Er merkt, dass ihm die Medikamente helfen. Ein Wechsel der Präparate oder der Dosierung irritiert ihn jedes Mal. Meistens dauert es einige Tage, bis er das neue Farbschema seines Tagesdispensers beherrscht. Gut, dass seine Frau ihn dabei unterstützt.

  1. Name der Redaktion bekannt. 
  2. NICE clinical guideline 76, Medicines adherence, Involving patients in decisions about prescribed medicines and supporting adherence; Jan. 2009. 
  3. Harald Braem: Die Macht der Farben, Sonderproduktion 1. Auflage München 2006, S. 219. 
  4. Klaus Bernd Vollmar: Das große Buch der Farben, Krummwisch bei Kiel 2009, S. 10.
  5. Kesselheim AS et al. Burden of changes in pill appearance for patients receiving generic cardiovascular medications after myocardial infarction: Cohort and nested case–control studies. Ann Intern Med 2014;161(2):96-103. 
  6. Quelle: Statista – Das Statistik-Portal https://de.statista.com/statistik/daten/studie/513971/umfrage/anzahl-zug..., zuletzt eingesehen 2/2018.   Arzneimittelgesetz, 2. Abschnitt, § 8.