Gesundheitspolitik

(K)ein Landarzt mehr

Nie zuvor gab es in Deutschland so viele Ärzte wie heute [1]. Doch fehlt es landauf und landab an Medizinern, besonders in ländlichen Regionen. Ärztemangel oder Verteilungsproblem? Darüber wird seit Jahren zwischen den Verantwortlichen gestritten. Mittlerweile haben Bund, Länder und Gemeinden wie auch die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zahlreiche Maßnahmenpakete geschnürt. So möchte man die medizinische Versorgung auf dem Land sicherstellen. Für junge Landärzte wird jetzt der rote Teppich ausgerollt.

Gesucht: Praxisnachfolger

Allgemeinarzt, Altersstruktur, Ärztemangel

Stand 31.12.2017 | Quelle: Ärztestatistik der Bundesärztekammer

Vor gut zwei Jahren schlug Bürgermeister Hubert Wegener im südwestfälischen Niederense Alarm. Drei der insgesamt vier örtlichen Hausarztpraxen suchten händeringend einen Nachfolger. Niederense ist ein Dorf wie viele andere. Landschaftlich reizvoll gelegen zwischen dem Naturpark Arnsberger Wald und der Soester Börde bietet der Ort alles, was eine junge Familie im Alltag braucht: Geschäfte, Handwerker, einen Kindergarten, eine Grundschule, Vereinsleben. Um die Gesundheit der 3.240 Einwohner kümmern sich zwei Hausärzte, ein Zahnarzt und eine Apotheke.

Engpässe in der hausärztlichen Nahversorgung betreffen bundesweit viele Regionen. Jetzt droht die Situation sich zuzuspitzen. Über ein Drittel aller niedergelassenen Allgemeinmediziner ist aktuell älter als 60 Jahre.2 Damit werden mehr als 12.000 Hausärzte in den nächsten fünf Jahren das reguläre Rentenalter von 65 Jahren erreichen. Sie alle suchen dringend einen Praxisnachfolger. Die Zahl der Anerkennungen in den Fächern Allgemeinmedizin sowie Innere und Allgemeinmedizin (Hausarzt) ist zwar in 2017 leicht gestiegen, liegt aber immer noch bei nur 1.415. Reichen wird das kaum, um alle Praxen nachzubesetzen.

In den vergangenen Jahren arbeiteten Bund, Länder und die KVen mit Hochdruck daran, die hausärztliche Versorgung auf dem Land zu sichern – bislang mit nur mäßigem Erfolg. Bereits 2015 hat der Bund mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz und dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz Maßnahmen auf den Weg gebracht, die jungen Ärzten Lust auf das Land machen sollten. Dazu zählen vor allem finanzielle Anreize für Ärzte in strukturschwachen Gebieten, aber auch offenere Versorgungsstrukturen und eine flexiblere Bedarfsplanung. „Gleichwohl besteht angesichts der demografischen Entwicklung, des damit veränderten Bedarfs der Versicherten sowie der unterschiedlichen Versorgungssituation besonders in ländlichen Regionen weiterer Handlungsbedarf“, so eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums.

Eine Trendwende soll nun der „Masterplan Medizinstudium 2020“ mit der Stärkung der Allgemeinmedizin, aber auch der Landarztquote bringen. Demnach können die Bundesländer zehn Prozent aller Medizinstudienplätze an Bewerber vergeben, die sich zu einer späteren Niederlassung in einer unterversorgten Region verpflichten. Nordrhein-Westfalen ist nun das erste Bundesland, das die Landarztquote einführt. Zum Wintersemester 2019/2020 bietet NRW erstmals 168 reine Landarzt-Studienplätze an. Insgesamt bilden die NRW-Unis rund 2.300 Ärzte pro Jahr aus. Nicht alle Bundesländer finden die Quote gut. Sie schränke die Entscheidungsfreiheit und die freie Wahl des Studiums massiv ein.

Zukunftsaufgabe

Auch wenn viele Bundesländer bislang nicht von einer Mangelsituation sprechen, haben fast alle mit unterschiedlichen Programmen reagiert. In Bayern stehen für die Förderung von Landarztpraxen im Doppelhaushalt 2017/2018 rund 11,2 Millionen Euro bereit. In Nordrhein-Westfalen setzt man auf mehr Medizinstudienplätze; das Land Mecklenburg-Vorpommern zahlt Sonderstipendien für Landärzte, und in Baden-Württemberg testet man seit diesem Frühjahr die ärztliche Erstbehandlung via Telemedizin.3

Ebenso haben die KVen Initiativen an den Start gebracht. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) fördert Gemeinden, in denen sich in naher Zukunft Probleme bei der ärztlichen Versorgung ankündigen könnten. Ärzte, die sich in diesen Gemeinden niederlassen wollen, erhalten Fördergelder und Darlehen. Insgesamt 30 solcher Fälle gab es seit Anfang 2015. Darüber hinaus gibt es Informations- und Seminarangebote für zukünftige Landärzte.

Ärztemangel, Landarztquote, Medizinstudienplätze

* Übersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und beruht auf externen Informationen, für die Hexal keine Haftung übernehmen kann.

Landarzt, Ärztemangel

Ohne die Gemeinde geht es nicht 

Ebenso haben viele Gemeinden mittlerweile erkannt, dass es ohne ihr Mitwirken nicht geht. Einige Faktoren, die jungen Ärzten Lust auf das Landleben machen, liegen allein in ihrem Einflussbereich. Das war auch Bürgermeister Hubert Wegener klar und er machte die Landarztsuche zu seinem Thema – mit Erfolg. Rund ein Jahr später übernahm Michael Swyter eine der örtlichen Hausarztpraxen. Der Facharzt für Innere Medizin lebte bereits mit seiner Frau im Nachbarort. Seinen beruflichen Alltag bestimmte bis dato die Apparatemedizin der Intensivstation im rund 30 km entfernt liegenden Katharinen-Hospital Unna.   

„Es fühlte sich richtig an!“

Sich mit einer Hausarztpraxis auf dem Land niederzulassen, war für den heute 37-Jährigen vor zwei Jahren noch undenkbar. „Ich wollte nie Hausarzt werden.“ Doch nach und nach reifte der Entschluss. „Es fühlte sich richtig an.“ Vor allem viele Gespräche mit dem vorigen Praxisinhaber und ärztlichen Kollegen, Mitarbeitern der KVWL und Vertretern der Kommune, aber auch Fördergelder des Landes schafften die notwendigen Voraussetzungen für die Praxisübernahme.

Rund 1.500 Patienten pro Quartal behandelt der junge Landarzt, Tendenz steigend. Lange Arbeitstage kannte der gebürtige Ostfriese noch aus der Klinik, doch völlig neu war es für ihn, Arzt, Hygienemanager, Personalchef, Einkäufer und Betriebswirt in Personalunion zu sein. „Das lernt man nirgends. Zum Glück hat mich das Praxisteam tatkräftig unterstützt. Eine Herausforderung ist auch, dass man als Hausarzt Generalist ist und von allen Fachdisziplinen etwas verstehen muss.“

Allgemeinarzt, Altersstruktur, Ärztemangel

Ärzte laufen offene Türen ein

Im Rahmen der Praxisübernahme lernte Michael Swyter auch Tim Nolte kennen. Nolte leitet bei der Wirtschaftsförderung im Kreis Soest das Projekt „wfg.amPULS“. Alarmiert durch den Mediziner-Engpass in Niederense und eine Arztbefragung in der Region war schnell klar, dass sich mit der Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung eine Herkulesaufgabe abzeichnete. „Finanzielle Anreize sind zwar wichtig, doch sind oft andere Faktoren ausschlaggebend, damit Ärzte sich für einen Landarztsitz entscheiden. Es ist unsere Aufgabe, die Region so attraktiv zu machen, dass Ärzte hier gerne wohnen und arbeiten möchten“, betont Nolte. Dazu gehören auch die Verkehrsanbindung, Jobangebote für den Partner, Kindergärten und Schulen.

Im Kreis Soest richtet man sich vor allem an junge Krankenhausärzte, Medizinstudenten, aber auch Schüler mit dem Studienwunsch „Medizin“, die ihre Wurzeln in der Region haben. „Wer hier aufgewachsen ist, kennt die Gegend und hat Familie und Freunde hier. Das macht es leichter, sich für eine Praxisübernahme in unserer Region zu entscheiden“, weiß der Arztlotse. „Doch unterstützen wir auch Ärzte aus anderen Regionen, die sich eine Niederlassung im Kreis Soest vorstellen können.“ Tim Nolte hilft nicht nur geeignete Praxisräume oder Grundstücke zu finden, sondern stellt auch Kontakte zu Bürgermeistern und Gemeindeverwaltungen her, informiert über Fördermöglichkeiten und vieles mehr. „Wir versuchen für jeden interessierten Arzt eine Lösung zu finden.“

„Für uns ist eine gute Zusammenarbeit mit den Kommunen entscheidend, um die hausärztliche Versorgung in Westfalen-Lippe zu sichern“, betont Vanessa Pudlo von der KVWL. „Mit einigen Gemeinden konnten wir bereits einen intensiven Austausch etablieren. Denn auch in den Kommunen wächst das Bewusstsein dafür, dass eine gute medizinische Versorgung nur gemeinsam gelingen kann.“ Und auch in Südwestfalen ist man überzeugt: „Diese Aufgabe erfordert viel Ausdauer und personelle wie finanzielle Ressourcen. Doch es ist der richtige Weg“, resümiert Nolte, der seit Anfang Juni von einem weiteren Kollegen in der Projektarbeit unterstützt wird.

Die Landarztpraxis: ein Auslaufmodell?

Doch denkt man im Kreis Soest auch über alternative Versorgungsformen nach. Telemedizin ist nur ein Stichwort. Doch solange schnelles Internet nicht in jedem Winkel der Region verfügbar ist, werden Fernbehandlungen eher die Ausnahme bleiben. Der „medibus“, eine mobile Praxis, die mit festen Sprechzeiten von Ort zu Ort fährt, oder auch die Krankenschwester 2.0, die Hausärzte bei Hausbesuchen entlastet, könnten das klassische Modell der „Landarztpraxis“ ergänzen.

Aber auch Teilzeitpraxen oder Medizinische Versorgungszentren sind Optionen, die für mehr Flexibilität sorgen. „Junge Mediziner können hierdurch nicht nur von den vorhandenen Strukturen und dem kollegialen Austausch profitieren, sondern ohne finanzielles Risiko Schritt für Schritt in die Rolle eines niedergelassenen Arztes hineinwachsen“, so das BMG (Bundesministerium für Gesundheit). Doch in einem sind sich die Experten vom BMG und aus NRW einig: Die persönliche Gesundheitsbetreuung wird auch zukünftig das Herzstück der medizinischen Versorgung bleiben.

Landapotheker, Landflucht, Arneimittelversorgung

Wie können Apotheken auf dem Lande überleben?

Inzwischen sind auch Apotheken massiv von der Landflucht betroffen. Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz der Versandapotheken. Seit 2008, dem Höchststand mit 21.602 Betriebsstätten, geht die Zahl der Apotheken kontinuierlich zurück. Bis Ende 2017 haben insgesamt 1.854 Apotheken aufgegeben. Das entspricht einem Rückgang von 8,6 Prozent. Dieser Abwärtstrend setzte sich auch im laufenden Jahr fort. Trotzdem sei die Arzneimittelversorgung in ganz Deutschland noch flächendeckend gut, so Dr. Reiner Kern, Pressesprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. (ABDA).

Gute Ideen sind gefragt

Doch um die Apotheke vor Ort zu stärken und zu sichern, verlassen sich Apotheker heute längst nicht mehr nur allein auf die Weichenstellung durch die Politik. Sie entwickeln neue Servicemodelle und sind offen für neue Aufgaben. In Rheinland-Pfalz haben sich beispielsweise mehrere Landapotheker zusammengeschlossen, um ihren Botendienst aufzuwerten. Alle Botendienstfahrzeuge verfügen über Thermoboxen mit Temperaturkontrolle und GPS. Damit können nicht nur kühlpflichtige Medikamente sicher transportiert werden, sondern die Apotheker wissen genau, wann ein Arzneimittel beim Kunden eintrifft. Damit wollen sie bei der Belieferung besser sein als die Versandapotheken.

Angesichts des Ärztemangels auf dem Lande sei es aber auch denkbar, dass Apotheker neue Aufgaben übernehmen. Die Zusammenarbeit mit den Praxen müsse Hand in Hand gehen. Apotheker können Ärzte nicht ersetzen, aber entlasten, so meinen zumindest die Landärzte aus Rheinland-Pfalz. Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, was möglich ist. In Großbritannien oder einigen Kantonen der Schweiz dürfen Pharmazeuten zum Beispiel impfen. Kurz: Ideen, die medizinische Versorgung auf dem Lande zu sichern, gibt es genügend. Nun ist es an der Zeit, zukunftsfähige Lösungen umzusetzen!

ABDA, Dr. Reiner Kern

Dr. Reiner Kern

Nachgefragt: Dr. Reiner Kern, Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. zur Zukunft der Vor-Ort-Apotheken

Wie kann die Landflucht der Apotheken gestoppt werden?

Die Kammern und Verbände der Apotheker setzen sich massiv dafür ein, dass die Apotheken mehr Planungssicherheit bekommen. Die fehlt, seit der Europäische Gerichtshof ausländischen Versandhändlern erlaubt hat, von den einheitlichen Preisen bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln abzuweichen. Das untergräbt die Existenzgrundlage gerade vieler kleiner Apotheken. Der Gesetzgeber kann dafür sorgen, dass die einheitlichen Preise wieder eingehalten werden, aber nur indem er den Versandhandel auf rezeptfreie Medikamente beschränkt. Genau das plant die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag, aber sie muss es auch zügig umsetzen.

Gibt es gemeinsame Lösungen, die medizinische Versorgung auf dem Land zu sichern?

In den meisten Bundesländern sind die Apothekerkammern und -verbände dazu im engen Gespräch mit den KVen, besonders wegen der Notdienstabdeckung. Aber die Heilberufe allein können die Gesundheitsversorgung auf dem Land nicht sicherstellen. Sie muss als integraler Bestandteil einer langfristigen Strukturpolitik für ländliche Räume verstanden werden, die den Zugang zu Gesundheitsleistungen neben anderen Faktoren wie Einzelhandel, Gewerbe, Bildungseinrichtungen, Verkehrswegen und der Abdeckung mit schnellem Internet mitdenkt.

Wie wird 2030 die medizinische Versorgungssituation auf dem Land aussehen?

Wir haben derzeit einen starken Urbanisierungstrend, die Menschen werden älter und die Zahl der Pflegebedürftigen nimmt zu. Zugleich wird der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen immer spürbarer. Das wirkt sich gerade auf dem Land aus. Im Zuge der Digitalisierung wird sich deshalb die Telemedizin stärker durchsetzen. Wichtig ist aber, dass die Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern in erster Linie die Versorgungssituation des Patienten verbessert. Die direkte, persönliche Gesundheitsbetreuung des Patienten durch den Heilberufler muss der Goldstandard bleiben. Deswegen brauchen wir auch in Zukunft die Apotheke vor Ort als niedrigschwellige Anlaufstelle für Gesundheitsleistungen.

  1. Ärztestatistik der Bundesärztekammer: Stichtag 31.12.2017: 385.149 Ärzte, http://www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aerztestatistik/aerztestatist... zuletzt aufgerufen in 05/2018.    
  2. Ärztestatistik der Bundesärztekammer: Stichtag 31.12.2017
  3. Was in den Bundesländern getan wird, Ärzteblatt 27.12.2017, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/87233/Aerztemangel-Was-in-den-Bun..., zuletzt aufgerufen 5/2018.